Eine Reporter-Legende tritt nach 35 Jahren ab


Dieter Albrecht ist eine Fußball-Reporter-Legende. Sein erster Artikel über eine Partie des VfL Stade stand am 21. März 1983 im TAGEBLATT. Was schenkt man solch einer Legende zum Abschied aus dem redaktionellen Alltag?

Archivfoto Struwe: Dieter Albrecht bei einer seiner vielen Arbeiten für das Tageblatt. Unter anderem für den Steilpass

Ein Statistikbuch? Ein signiertes Bild? Einen Umtrunk in der Redaktion mit den üblichen Reden? Nein, lieber eine „Viererkette“ – dem TV-Sporttalk am Elbstrand mit prominenten Wegbegleitern und Albrecht als Hauptperson.

TAGEBLATT-Chefredakteur Wolfgang Stephan schüttelt lächelnd den Kopf. Vor allem aus Faszination. Neben ihm steht am Bistro-Tisch in der Galerie des Elbstrand-Resort-Hotels auf der Insel Krautsand ein wandelndes Lexikon. Die TV-Kamera ist auf die beiden gerichtet.

Dieter Albrecht (75) schaut auf ein ihm überraschend präsentiertes historisches Foto. Die wichtigsten Eckdaten zu diesem Bild erzählt Albrecht wie aus der Pistole geschossen: 23. Mai 1972, Camper Höhe, Güldenstern gegen HSV, der HSV gewinnt 13:3, Schiedsrichter ist Rolf Gerlach, tolles Wetter. Albrecht war damals Linienrichter. Und die Torschützen hätte er Stephan heute auch noch nennen können.Vis-à-vis zu Albrecht und Stephan stehen langjährige Weggefährten des Reporters. Ex-BSV-Trainer und Journalist Wolfgang Nitschke, mit dem Albrecht ein besonderes Ritual pflegte. Ex-Trainer Stefan Buchholz, den Albrecht in der Rolle des Schiedsrichters schon als jugendlichen Spieler kennengelernt hatte. Bernhard Augustin, der heute für den DFB arbeitet, Ex-St.-Pauli-Profi und aktueller Teammanager des VfL Güldenstern Stade, Dirk Dammann, die Drochterser Stürmer-Legende Lars Jagemann und D/A-Präsident Rigo Gooßen, mit dem sich Albrecht so manches, verbales Scharmützel lieferte, als es der Spielvereinigung in den 1990er Jahren einmal nicht so gut ging.

TAGEBLATT-Redakteur Alexander Schulz steht im Pulk der Hautevolee des Landkreis-Fußballs und fängt mit dem Mikrofon all die schönen Anekdoten ein.Dieter Albrecht kennt jeden aus der Fußball-Szene. Die meisten kennen ihn. Er schreibt seit 1983 für das TAGEBLATT und arbeitet für den Sport-Informations-Dienst (SID), 1981 gab er den ersten Artikel für die Fußballwoche ab.

1960 begann seine Karriere als Schiedsrichter. Er pfiff 19 Jahre lang auf hohem Niveau. Albrecht setzte sogar Mode-Trends. Als einer der ersten Schiedsrichter in der Region lief er mit blauen Krempen an den Stutzen auf und durchbrach das schwarze Einerlei. Bei den Italienern hatte sich Albrecht das abgeguckt. Hauptberuflich war Albrecht bis zu seiner Pensionierung Beamter bei der Bundeswehrverwaltung und im Kreiswehrersatzamt. Dieter Albrecht schaffte es sogar, mit einem Grantler wie Wolfgang Nitschke auszukommen. Nur einmal gab der ehemalige Buxtehuder Trainer dem Reporter keinen Kommentar zum Spiel, weil es das TAGEBLATT schlichtweg vergessen hatte, die im Abstiegskampf alles entscheidende Partie anzukündigen.

In der Regel frönten die beiden im Jahnstadion aber ihrem Ritual und gönnten sich vor einem Heimspiel eine Tasse Kaffee und ein Gläschen Weinbrand.Mit Rigo Gooßen traf sich Albrecht weit vor dem Anpfiff im Drochterser Vereinsheim zu einem Stück Schwarzwälder Kirschtorte. Gooßen konnte in Ruhe essen, denn Albrecht philosophierte monologartig über die Geschehnisse im deutschen Fußball im Allgemeinen und über den Kreis-Fußball im Speziellen.Albrechts Arbeitsalltag als freier Fußball-Reporter beim TAGEBLATT lebte von den Automatismen und Gewohnheiten. Jeden Mittwoch und jeden Donnerstag telefonierte Albrecht mit den Trainern der Region, um Stoff für die Vorberichterstattung zu sammeln. Die Sonntage verbrachte er auf den Sportplätzen und die Abende vor dem Telefon. „Dieter pflegte keine Kuschel-Berichterstattung“, sagt Rigo Gooßen. Albrecht war objektiv, fair und ehrlich. Und vor allem bestens informiert.Lars Jagemann bezeichnet den 75-Jährigen als eine „lebende Datenbank“.

Was Trainer heute über den nächsten Gegner per Mausklick im Internet erfahren, hatte Dieter Albrecht im Kopf gespeichert. „Die Gegner-Analyse war immer sehr informativ“, sagt Dirk Dammann. „Ich hatte immer das Gefühl, mit einem Fachmann zu reden, der sich in der Region auskannte“, sagt Bernhard Augustin. Nur Zeit mussten die Trainer bei den Telefonaten mitbringen. Denn Dieter Albrecht kann reden. Lange und ausschweifend. Jeder noch so kurze Nebensatz eröffnet ein neues Thema. Den Trainern rauscht die sonore Albrecht-Stimme nach dreißig Minuten durch die Ohren. Stefan Buchholz erzählt bei der „Viererkette“, dass er seine Frau einmal an der Haustür klingeln ließ, um Besuch vorzutäuschen und einen Vorwand zu haben, das Gespräch zu beenden.Fußball im TAGEBLATT ohne Dieter Albrecht? Seit Jahren sagt er, er wolle kürzertreten und mehr Zeit mit seiner Frau auf Reisen im Wohnmobil verbringen. Die Fußballkompetenz wird fehlen, und die Bassstimme, deren Fetzen immer so latent durch die Redaktion schallten. Albrecht will ernst machen und nur noch im Notfall einspringen. Aber Albrecht weiß, der Notfall wird kommen.

Quelle: FuPa/Stader Tageblatt

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