Die Chronologie eines Fußball-Krimis


LANGEN/BOKEL. Der VfL Güldenstern Stade ist überglücklicher Meister der Fußball-Bezirksliga Lüneburg 4. Als der punktgleiche ASC Cranz-Estebrügge in der dritten Minute der Nachspielzeit den 3:2-Siegtreffer in Bokel feiert, gelingt den schlecht spielenden Stadern in Langen noch der 1:0-Siegtreffer.

Die Stader feiern ihren glücklichen 1:0-Sieg und die damit errungene Meisterschaft in der Fußball-Bezirksliga Lüneburg 4.

Von Daniel Berlin und Jan Bröhan

16 Uhr: Die Spieler des TV Langen und des VfL Güldenstern Stade betreten den komplett verbrannten Rasenplatz in Langen. Die Halme haben offenbar seit Tagen kein Wasser gesehen. Zwei Dutzend Stader Fans entfalten am Zaun in der prallen Sonne ein Transparent und zünden eine Konfettibombe. Die funkelnden Schnipsel schwirren quer über die Tartanbahn bis auf den Rasen.

In Bokel ist der staubtrockene und holprige Rasen in keinem besseren Zustand. Die Stimmung auf der Tribüne ist gut. Die Spieler laufen gemeinsam ins Stadion ein und winken den Zuschauern zu. ASC-Trainer Thomas Brokelmann nimmt gut gelaunt und mit einem Lächeln Platz auf der Auswechselbank.

16.01 Uhr: Schiedsrichter Daniel Ballin aus Etelsen pfeift in Bokel an. Die Heimmannschaft konzentriert sich sofort aufs tiefe Verteidigen.

16.04 Uhr: Schiedsrichter Tim Lahse pfeift die Partie in Langen mit Verspätung an. In Bokel wird längst gespielt.

16.08 Uhr: Der zukünftige ASC-Trainer Daniel Schröder zieht von der Strafraumgrenze ab, Bokels Torhüter Joel Prehn kann den Ball nur klatschen lassen. ASC-Stürmer Yannik Meyer ist zur Stelle und erzielt aus spitzem Winkel in der siebten Minute die 1:0-Führung.

In der vierten Minute versucht es der Stader Pascal Voigt zunächst aus der Distanz. Auch bei seinem zweiten Versuch reagiert Langens Torwart Yannik Koch glänzend. Den Führungstreffer für den ASC Cranz-Estebrügge in Bokel nehmen der Trainerstab auf der Stader Bank und die Zuschauer in Langen ungerührt zur Kenntnis. Genau das haben sie erwartet.

16.16 Uhr: Marcel Meyer versucht es mit einem Volleyschuss. Der ASC dominiert, Bokel kommt kaum über die Mittellinie.

16.19 Uhr: Stades Trainer Martin König steht das erste Mal. Es gefällt ihm nicht, was er sieht. König fordert „nachrücken, Leute“. Offenbar sind die Knie weich, ob des immensen Drucks, der auf den Stadern lastet. König setzt sich wieder hin.

16.24 Uhr: In der 21. Spielminute atmen die Stader in Langen durch. Bei einem Angriff auf der linken Seite verschätzt sich Außenverteidiger Frederik Klintworth. Sein Gegenspieler Maik Schulz versucht es mit einer Bogenlampe. Der Ball streift knapp am langen Pfosten vorbei.

16.27 Uhr: Yannik Meyer setzt sich in Bokels Strafraum mit feinem Dribbling durch und passt quer vors Tor, dort versucht es Mannschaftskapitän Hendrik Stahmer akrobatisch per Hackentrick, der Ball wird noch auf der Linie geklärt. Der ASC muss sich vorwerfen, nicht genügend aus seiner Dominanz zu machen.

16.28 Uhr: Trinkpause in Langen. Wie bei einer Auszeit im Handball schwört Martin König die Stader Mannschaft ein. Co-Trainer Niels Gramkow schaut auf sein Smartphone. Aus Bokel nichts Neues.

16.29 Uhr: Trinkpause in Bokel. Beim entspannten ASC sickert langsam durch, dass sich die Stader in Langen wohl unheimlich schwertun.

16.34 Uhr: Stades Coach Martin König wird laut an der Seitenlinie. Sein Team agiert fahrig und ohne zündende Ideen. Zum Glück für Stade agiert Langen wie bei einem Sommerkick und bleibt ungefährlich. König fordert lautstark „Körpersprache“.

16.38 Uhr: Aus dem Nichts fällt das 1:1 in Bokel. Nino Tiedemann bedankt sich bei schläfrigen Estebrüggern. Es ist erst das zweite Mal, dass der MTV im ASC-Strafraum ist.

16:39 Uhr: Yannik Meyer vergibt eine Großchance, weil der Ball schwer zu kontrollieren ist auf dem unebenen Geläuf. ASC-Trainer Thomas Brokelmann hadert: „Wir waren so gut im Spiel – und jetzt“, sagt er und schüttelt den Kopf. Dann schreit er aufs Feld: „Leute, wir sind viel zu weit von den Männern weg.“

16.41 Uhr: Den 1:1-Ausgleichstreffer in Bokel nehmen die Stader Reservespieler und die Bank reglos hin. Nur die mitgereisten Fans erzählen die frohe Kunde auf der Tribüne weiter. Zu diesem Zeitpunkt ist Stade wieder mit einem Bein in der Landesliga.

16.42 Uhr: Stades Michael Stern versucht es aus der Distanz. Sein Flachschuss bereitet Langens Torwart arge Probleme. Sonst kommt nicht viel vom haushohen Favoriten.

16.45 Uhr: Fabian Stahmer fordert MTV-Torhüter Prehn mit einem Hammer, der klärt zur Ecke. Das Eckenverhältnis ist 7:1 für den ASC. Jede Ecke sorgt für Gefahr. Auch jetzt: Hendrik Stahmers Abschluss von der Strafraumgrenze dreht sich nur Zentimeter am Winkel vorbei. Kurz darauf ertönt der Pausenpfiff.


16.51 Uhr: Halbzeit in Langen. Martin König hat Redebedarf beim Schiedsrichtergespann.

17.04 Uhr: Wiederanpfiff in Bokel. ASC-Trainer Thomas Brokelmann hat seine gute Laune zurück. „Wir schießen gleich unser Tor“, sagt er. Und er wagt eine Prognose: „Ich glaub’ nicht, dass Stade noch ein Tor schießt, Langen steht bestimmt richtig tief.“

17.08 Uhr: Wiederanpfiff in Langen. Noch während die Mannschaften den Platz betreten, fällt in Bokel das 2:1 für den Gastgeber. VfL-Vizepräsident Thomas Trabandt ist trotzdem unzufrieden: „Das gefällt mir hier nicht“, sagt er und ahnt ob der Spielweise der Stader nichts Gutes.

Der Treffer zum 2:1 für Bokel darf niemals fallen. Kapitän Kevin Lüdemann wird nicht wirklich gestört und ist mit einem Schuss aus der Drehung und durch Getümmel im Strafraum erfolgreich. Die ASC-Spieler sind konsterniert.

17.12 Uhr: Coach Martin König dreht sich auf der Bank – Marke Bierzeltgarnitur – um 180 Grad verärgert weg, als wieder ein Stader Angriffsversuch kläglich verpufft. Er fordert mehr Engagement. Seine Mannschaft spielt wie gelähmt.

Thomas Brokelmann ist währenddessen bemüht, seine Mannschaft wieder aufzurichten und fordert gleichzeitig mehr Laufarbeit und Kampf.

17.31 Uhr: Das erlösende 2:2 durch Yannik Meyer löst auf der Ersatzbank und beim Anhang wilde Freude aus. Meyer schnappt sich sofort den Ball und rennt zur Mittellinie. Der ASC hatte zuvor in dem immer hektischer werdenden Spiel schon einige Großchancen liegen gelassen. Thomas Brokelmann spricht zu sich selbst: „Noch 15 Minuten, bitte lass’ noch einen reingehen.“

Das 2:2 aus Bokel macht in Langen die Runde. Erneut beginnt das große Zittern. Frederik Klintworth fordert von seinen Mannschaftskollegen „100 Prozent“: „Wir müssen uns den Arsch aufreißen.“

17.39 Uhr: Verletzungsunterbrechung in Bokel. Der gesperrte ASC-Spieler Sören Hüttmann sagt: „Das wäre richtig ärgerlich, wenn Stade 0:0 spielt und wir hier nicht gewinnen.“

17.46 Uhr: In der 84. Minute steht Stade dicht vor der erlösenden Führung. Jannik Peters Schuss geht an den Pfosten. Den Nachschuss von Michael Stern pariert Yannik Koch. 60 Sekunden später scheitert Klintworth per Fallrückzieher.

17.48 Uhr: Der Schiri zeigt in Bokel sechs Minuten Nachspielzeit an. Der ASC rennt wild an.

17.50 Uhr: Yannik Meyer trifft den Pfosten. Dann wird Lars Tolksdorf gefoult. Es gibt Elfmeter. Der ASC jubelt. Kapitän Hendrik Stahmer tritt an. Hüttmann sagt: „Der hat bis jetzt alle verwandelt.“ Stahmer schießt drüber. Fassungslosigkeit und Entsetzen bei den Spielern. Trainer Brokelmann schreit: „Köpfe hoch, wir haben noch drei Minuten.“

17.52 Uhr: Und schon mit der nächsten Aktion ist es soweit: Fabian Stahmer erzielt das 3:2. Der Jubelsturm ist wild. Und noch während der ASC jubelt, beginnen Bokeler Fans auf der Tribüne zu jubeln. Das kann nur eins bedeuten. Schockstarre bei den Estebrüggern.

Kapitän Jannik Peters schießt den VfL Güldenstern mit einem perfekten Freistoßtor aus 20 Metern in die Glückseligkeit. Regulär ist in Langen noch eine Minute zu spielen. Die Stader haben jetzt Zeit.

17.55 Uhr: Schiedsrichter Tim Lahse pfeift in Langen ab. Die Reservisten, die Trainer, der Betreuerstab, Fans – alle sprinten auf den Platz. Sie jubeln. Sie umarmen sich. Sie tanzen im Kreis. Die Stader singen „Spitzenreiter, Spitzenreiter“. Die Party beginnt.

Währenddessen in Bokel: Die Mannschaft steht vereint und enttäuscht auf dem Platz, in die Enttäuschung mischt sich Wehmut. Kapitän Hendrik Stahmer hält eine Ansprache, bedankt sich im Namen der Mannschaft bei den beiden scheidenden Trainern. Rossen Atanassov ist gerührt, er kämpft mit den Tränen. Brokelmann sagt: „Ihr seid eine richtig geile Truppe, das waren tolle zweieinhalb Jahre mit euch. Wenn ihr wüsstet, wie viel Potenzial ihr habt und noch fokussierter wärt, wärt ihr schon Meister gewesen.“ Er wünsche sich, dass die Mannschaft es dem neuen Trainer Daniel Schröder leicht mache.

Als die Spieler zum Biertrinken gehen, schreibt Brokelmann eine Glückwunsch-Nachricht an König. „Ich war so entspannt vor dem Spiel“, sagt Brokelmann, „aber je länger es bei Stade 0:0 stand, desto angespannter wurde ich.“ So wie es jetzt gelaufen ist, sei es natürlich bitter. „So ist Fußball“, sagt Atanassov, „das ist das Schöne am Fußball.“

Der Druck war hausgemacht

LANGEN. Der Trainer des VfL Güldenstern Stade, Martin König, genießt den Jubel mit seiner Mannschaft nach dem Abpfiff. Mit solch einem Herzschlagfinale sei nicht zu rechnen gewesen, sagt er. Er sei von einem hohen Sieg des ASC ausgegangen. Aber auch davon, dass sich sein Team nicht ganz so schwertut.

Von Daniel Berlin

„Das ist ein schöner Abschied“, sagt König, der den Trainerposten jetzt an Matthias Quadt und Dirk Dammann abgibt. König gesteht, dass er und sein Co-Trainer Niels Gramkow sich den Druck vor der Saison selbst gemacht hätten. Das Duo steckte sich den Aufstieg als Ziel. Zwei Jahre nach der Fusion des TuS Güldenstern Stade und des VfL Stade und nach 60 Punktspielen ziehe er, König, jetzt einen Strich unter eine erfolgreiche Zeit. Aber vor allem die Saison 2016/17 sei die schwierigste seiner Karriere gewesen. Aus drei Mannschaften und externen Spielern formten König und Co. eine junge Mannschaft, die in der kommenden Saison Landesliga spielen darf. Der Verein steigt mit Spielern auf, die im Schnitt 22 Jahre alt sind. „Ich wollte so ein junges Team“, sagt König.

Für die Konkurrenz aus Cranz-Estebrügge, Hedendorf/Neukloster und Wiepenkathen hat König nur Lob über. Vier Vereine aus dem Landkreis Stade haben die Bezirksliga zu einer starken und interessanten Liga gemacht. Jetzt freut sich König auf eine fußballfreie Zeit.
„Der Verein wird jetzt in der Zeit des Erfolgs nicht in Träumereien verfallen“, sagt Torben Milbredt vom Vorstand des VfL Güldenstern Stade. Das Team werde bodenständig bleiben. Oberstes Ziel für die Landesliga-Saison sei der Klassenerhalt.

Unter den Spielern indes herrschte kurz nach dem Abpfiff pure Erleichterung. „Darauf haben wir das ganze Jahr lang hingearbeitet“, sagt Stürmer Pascal Voigt. In der Landesliga müsse das Team noch härter arbeiten. Verteidiger Fabio Dammann: „Wie das Spiel heute gelaufen ist, ist total egal. Hauptsache, wir sind am Ziel.“


Der Richtige ist aufgestiegen

Ein Kommentar von Jan Bröhan

Der ASC Cranz-Estebrügge hätte die Meisterschaft in der Fußball-Bezirksliga Lüneburg 4 genauso verdient gehabt wie der VfL Güldenstern Stade. Zumal der punktgleiche Vizemeister den Meister in der Saison in beiden Spielen besiegte (2:1 in Stade und 3:0 im Heimspiel). Aufgestiegen in die Landesliga Lüneburg ist mit dem VfL Güldenstern Stade aber die richtige Mannschaft.

Seit der Fusion zwischen dem VfL Stade und dem TuS Güldenstern Stade vor zwei Jahren war es von Anfang an das Ziel, wieder in die Landesliga aufzusteigen. Im zweiten Anlauf hat es geklappt. Das ist gut. Eine Stadt wie Stade und ein Verein wie der VfL Güldenstern müssen mindestens in der Landesliga sein.
Der Druck war groß. Die Mannschaft ist jung. Die Mission Aufstieg war trotz der Favoritenstellung nicht leicht für das Trainerduo Martin König und Niels Gramkow. Besonders für König, einem der renommiertesten und namhaftesten Trainer im Landkreis, ist der Aufstieg zum Abschied ein Geschenk.

Dass die Mannschaft Landesliga kann, hat sie während des Bezirkspokals bewiesen. Zwei Siege gegen Landesligisten brachte den VfL Güldenstern Stade ins Halbfinale, da war Schluss gegen Landesligist Teutonia Uelzen. In der kommenden Saison wird es für Stade aber nur darum gehen, den Klassenerhalt zu schaffen. Diese Mission wird ungleich schwerer für das neue Trainergespann Matthias Quadt und Dirk Dammann.

Und da sind wir wieder beim unglücklichen Vizemeister ASC Cranz-Estebrügge. Die Mannschaft hätte sich mit dem Aufstieg keinen Gefallen getan. Die Spieler und das Trainerduo Thomas Brokelmann und Rossen Atanassov hätten den Meistertitel verdient gehabt. Die Mannschaft wäre auch gern aufgestiegen. So wie der Verein aber strukturiert und aufgestellt ist, zudem mit dem neuen, noch gänzlich unerfahrenen Trainer Daniel Schröder, wäre die Landesliga noch eine Nummer zu groß.

Quelle: Stader Tageblatt

Autoren: Daniel Berlin und Jan Bröhan

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