Der Kampf um jede Fußballerin

von Daniel Berlin / Quelle: Stader Tageblatt

Wie steht es um den Frauenfußball in der Region? Kurz bevor die WM in Frankreich losgeht, hat das TAGEBLATT mal nachgefragt. Einige Vereine haben richtig zu kämpfen. Klangvolle Namen verschwinden gänzlich von der Bildfläche.

Kennen sich von Kindesbeinen an und sind bis in die Landesliga durchmarschiert: Die Frauen des VfL Güldenstern Stade. Fotos Struwe

Der Deutsche Fußballbund hat Ende April Zahlen über seine Mitglieder vorgelegt. 2018 überschritt er die Sieben-Millionen-Grenze und steht aktuell knapp darüber. Der Anstieg sei auf einen Zuwachs bei den Senioren und den Frauen zurückzuführen. Die Stimmen von der Basis in den Kreisen Stade und Harburg sprechen aber allenfalls punktuell von einem Zuwachs. In der Regel haben die Vereine zu kämpfen, um genügend Frauen für den Spielbetrieb auf den Rasen zu bekommen.

Einige Frauenfußball-Abteilungen kämpfen ums nackte Überleben. Der einst so glorreiche SV Eintracht Immenbeck, der vor einigen Jahren sogar mal an der 2. Bundesliga schnupperte, stürzte zuletzt bis in die Kreisliga ab und wird dort für die kommende Spielzeit kein Team mehr melden. Gleich hinter der Kreisgrenze, beim TSV Elstorf, bricht gerade das Kreisklassen-Team auseinander. Der Verein will irgendwie über die nächsten zwölf Monate kommen, um dann erstmals wieder von seiner guten Jugendarbeit zu profitieren.

Besser läuft es bei den VSV Hedendorf/Neukloster, deren erste Mannschaft in die Landesliga aufgestiegen ist. Oder bei der SV Ahlerstedt/Ottendorf, die sich nach dem Absturz aus der Regionalliga und insgesamt sechs Abstiegen verschiedener Mannschaften innerhalb von vier Jahren anscheinend aus dem Tief befreit hat. Als aufstrebende Clubs gelten der TSV Apensen und der VfL Güldenstern Stade.

„Der Frauenfußball hat nicht den Stellenwert, den er verdienen würde“

„Der Frauenfußball hat nicht den Stellenwert, den er verdienen würde“, sagt der Vorsitzende des NFV-Kreises Stade, Ulrich Mayntz, wenige Tage, bevor in Frankreich die Frauen-Fußballweltmeisterschaft beginnt. Der große Hype sei vorbei. Den habe der Kreis erlebt, als der TSV Eintracht Immenbeck und die SV Ahlerstedt/Ottendorf noch gemeinsam in der Regionalliga spielten, in der dritthöchsten deutschen Spielklasse. „Ich kann nicht verhehlen, dass wir die Damen in den vergangenen ein bis zwei Jahren benachteiligt haben“, sagt Mayntz. Aber gerade, was das ehrenamtliche Personal angeht, habe der NFV im Kreis Stade zuletzt „Riesenbaustellen“ gehabt. Just in diesen Tagen stellt sich der Vorstand neu auf.

In der Saison 2008/09 spielte eine Frauenmannschaft aus dem Landkreis Stade in der Regionalliga, vier in der Bezirksoberliga, zwei in der Bezirksliga und 15 Teams auf Kreisebene, also insgesamt 22. Zehn Jahre später verzeichnet der NFV von der Oberliga bis runter in die Kreisklassen und die Ü 30-Mannschaften 39 Teams. Allerdings stammen davon elf Mannschaften aus dem Nachbarkreis Harburg und von den Mannschaften auf Kreisebene meldeten sieben Vereine nur Neuner-Teams an. Die Anzahl der Spielerinnen reicht bei diesen Teams nicht aus, um gesichert jedes Wochenende ihre Pflichtspiele auf dem Großfeld auszutragen. De facto ist die Anzahl der Mannschaften im Landkreis Stade unterm Strich gleich geblieben. Der NFV geht davon aus, dass die Anmeldungen für die nächste Saison leicht sinken. Grob geschätzt spielen in der Region zwischen 700 und 800 Frauen Fußball.

Der Trend geht zu Spielgemeinschaften. Der FC Mulsum/Kutenholz kooperiert mit dem Deinster SV. Der MTV Himmelpforten und der MTV Hammah gehen Seite an Seite in die zweite Saison. Der SV Ottensen wird sich wohl in diesem Sommer mit dem TuS Harsefeld zusammentun, weil beide Frauen-Fußballabteilungen allein nicht überlebt hätten. Die SG Lühe will sich mit dem SV Este 06/70 zusammenschließen. Der Haken: Die SG Lühe gehört zum NFV, Este 06/70 zum Hamburger Verband. Da ist bei den Funktionären Organisationsgeschick gefragt.

Peter Wessolowski wird nach TAGEBLATT-Informationen am 1. Juli den Staffelleiter-Posten von Jörg Lokotsch übernehmen. Unter Lokotsch als oberster Frauen-Funktionär auf Kreisebene blieb die Verbandsarbeit eher überschaubar. Wessolowski gibt nach einem Jahr den Posten als Kreisjugendausschuss-Vorsitzender an Frank von Bargen aus Drochtersen weiter. Michael Koch steigt wieder offiziell ein in die Verbandsarbeit und bekleidet das Amt des Frauenreferenten.

„Unser Ziel ist es, ordentliche Rahmenbedingungen zu schaffen“

„Wir streben an, den Frauenfußball wieder mehr zu pflegen“, sagt Peter Wessolowski. Der Stader schaut ganz optimistisch in die Zukunft, gerade was die Jugendarbeit angeht. „Wir sind ganz gut bestückt auf Kreisebene“, sagt Wessolowski. Dort gibt es im Schnitt 50 Mädchenmannschaften pro Jahr. „Unser Ziel ist es, ordentliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Wir müssen auf die schwierigen Mannschaftszahlen eingehen“, sagt Michael Koch. Koch sammelt derzeit die Anmeldungen für die verschiedenen Ligen auf Kreisebene. Eine Hallenkreismeisterschaft und einen Kreispokalwettbewerb soll es geben. Die Hallenkreismeisterschaft 2018/19 wollte der NFV abschaffen. Laut Ulrich Mayntz hatten sich keine Mannschaften auf Nachfrage gemeldet. Die Titelkämpfe kamen letztendlich doch zustande, weil der ehemalige NFV-Funktionär Ralf Greifenberg, Michael Koch und Bernd Stelling aus Ahlerstedt die Organisation mit etwas mehr Nachdruck in die Hand nahmen.

Die Stader Verbands-Funktionäre treffen sich im August zur nächsten Vorstandssitzung. Laut Ulrich Mayntz steht der Frauenfußball dann spätestens auf der Tagesordnung. „Wir beraten, wie wir uns anders positionieren und aufstellen können“, sagt Mayntz. Vielleicht bringt Mayntz dann schon ein paar Ideen aus Barsinghausen mit. Dort treffen sich Mitte Juni alle Kreisvorsitzenden, um sich über den Frauenfußball zu unterhalten.


Die Macher in den Vereinen

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SV A/O im Aufwind - SV Ahlerstedt/Ottendorf
Nach dem Abstieg aus der Regionalliga im Jahr 2015 begann für die Frauenmannschaften der SV Ahlerstedt/Ottendorf eine lange Leidenszeit. Der Verein musste insgesamt sechs Abstiege verschiedener Mannschaften in vier Jahren verkraften. „Das war mega anstrengend“, sagt Bernd Stelling (Foto), „Mister Frauenfußball“ im Auetal, Trainer verschiedener Teams, Abteilungsleiter und Koordinator. Der Verein habe es trotzdem geschafft, die meisten Spielerinnen zu halten. „Es geht wieder bergauf“, sagt Stelling. Dass die SV A/O mit etwa 100 Fußballerinnen noch nie so viele Aktive in ihren Reihen hatte, liegt offenkundig vor allem an der Philosophie des Clubs. „Ich liebe das Vereinsleben. Ich liebe es familiär“, sagt Stelling und erklärt sogleich das Erfolgsrezept. Die verschiedenen Spielerinnen in den verschiedenen Mannschaften dürften sich nicht entfremden. Es gebe in den Köpfen nicht nur die erste Mannschaft. „Wir haben immer versucht, allen gerecht zu werden“, sagt Stelling. Die Oberligaspielerinnen verkaufen auf dem Weihnachtsmarkt Crêpes und drehen auf dem Grill die Bratwürste um – alles für die Vereinskasse. Das verschaffe Respekt. „Ich habe nichts gegen Leistungsfußball. Aber der Breitensport darf nicht leiden“, sagt Stelling. Mittelfristig hat A/O die Rückkehr in die Regionalliga abgehakt. Ziel sei es, die erste Mannschaft in der Oberliga zu etablieren und nicht Jahr für Jahr gegen den Abstieg zu spielen. Stelling verfolgt den „großen Traum“, irgendwann von der Oberliga bis zur Kreisliga alle vier Spielklassen mit Mannschaften zu besetzen.
Erfahrung mitgebracht - FC Oste/Oldendorf
In den vergangenen Jahren stetig weiterentwickelt hat sich die Frauenfußball-Abteilung des FC Oste/Oldendorf. Die erste Mannschaft hat sich in der Oberliga etabliert und gilt als die beste Mannschaft im Kreis Stade. Zudem schickt der Club zwei Teams in der Kreisliga und der Kreisklasse ins Rennen. Mit dem Erfolg des Vereins ist der Name Frauke Krause (Foto) eng verbunden. Sie wechselte vor zwölf Jahren aus Ahlerstedt auf die Geest und brachte ihre Erfahrungen beim FC Oste/Oldendorf ein. Auf dem Platz stand sie pro Woche acht bis zehn Stunden, ihre Gedanken kreisten permanent rund um den Fußball. Jetzt will sie kürzertreten. Kristin Tiedemann wird ihre Nachfolgerin. „In einer Mannschaft musst du die Zickereien kleinhalten“, sagt Krause. Die Erfahrung sammelte sie während ihrer aktiven Karriere. Ein Team aus Gleichaltrigen sei tödlich, Hierarchien seien wichtig. Ein familiäres Vereinsleben sei die Zutat zum Erfolg.
Herzblut reingesteckt - VSV Hedendorf/Neukloster
Silke Blank (Foto) von den VSV Hedendorf/Neukloster ist im Verein „Mädchen für alles“. „Das fleißige Bienchen im Hintergrund“, sagen einige. Blank hat durch ihr Engagement dafür gesorgt, dass die zweite Frauenmannschaft der VSV genügend Personal für die Kreisliga hat. Die erste Hedendorfer Vertretung stieg gerade erst in die Landesliga auf. Silke Blank und ein Team von Mitstreiterinnen haben Instrumente ins Vereinsleben eingebracht, die dafür sorgen, dass die verschiedenen Fußballerinnen aller Altersgruppen zusammenwachsen. Das gemeinsame Training aller Jugendmannschaften zum Beispiel, oder den Sprung der Nachwuchsspielerinnen in die Damenmannschaften ein halbes Jahr, bevor sie das nötige Alter erreichen. Die VSV veranstalten Hallenturniere für alle Mädchen und deren Angehörige, organisieren AGs in der Grundschule und trainieren an Kindergärten. Frauen und Mädchen schauen sich gegenseitig bei den Pflichtspielen zu. „Da wächst etwas zusammen. Das schweißt zusammen“, sagt Silke Blank. Blank arbeitet mit Leidenschaft und Herzblut. „Das Lachen der Kinder, wenn ich in ihre Gesichter schaue, ist meine Motivation“, sagt sie.

Problemfälle und Durchstarter

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Frauenteam bricht weg - TSV Elstorf
„Du musst dich permanent engagieren, sonst fällt alles zusammen“, sagt Bianca Schoblocher (Foto) vom TSV Elstorf. Vor elf Jahren begann sie beim TSV, die Frauenfußball-Abteilung aufzubauen. Der Verein habe ihr damals signalisiert: Wir wollen das. Egal wie. Schnell fand sich genügend Personal für drei Mädchenmannschaften und ein Frauenteam. Derzeit meldet der TSV drei Mädchenteams und eine Mannschaft in der Ü 30-Konkurrenz. „Das Frauenteam in der Kreisklasse bricht gerade auseinander“, sagt Bianca Schoblocher. Der Verein versucht entgegenzuwirken. Der TSV setzt auf die Medien und die sozialen Netzwerke, um Fußballerinnen zu rekrutieren. Als fester Termin seit Jahren gilt in Elstorf der Tag des Mädchenfußballs. Bei der letzten Auflage im Mai beteiligten sich immerhin 25 junge Spielerinnen. In der Grundschule des Dorfes ist der TSV präsent. „Wenn die Frauenmannschaft erstmal weg ist, wird es schwierig“, sagt Bianca Schoblocher. Bislang stehen noch elf Spielerinnen im Kader. Steigt die Anzahl nicht, würde der Verein die Mannschaft mit Ü 30-Spielerinnen ergänzen. 60 Mädchen und Frauen spielen derzeit beim TSV. Im nächsten Jahr werde sich die Lage ein wenig entspannen, weil dann Jugendspielerinnen in die Frauenmannschaft wechseln.
Mannschaft abgemeldet - TSV Eintracht Immenbeck
In der Saison 2010/11 kratzten die Frauen des TSV Eintracht Immenbeck als Zweitplatzierte der Regionalliga sogar am Aufstieg in die 2. Bundesliga. Heute, acht Jahre später, ist die Eintracht in die Kreisliga abgestiegen und wird dort in der nächsten Saison nicht antreten. „Ich kann leider keine Spielerinnen schnitzen“, sagt TSV-Fußballobmann Jörg Giesecke (Foto). Nach dem Abstieg hätten einige Spielerinnen den Verein verlassen, einige beendeten ihre Karriere. Die Mädchenmannschaft sei noch nicht soweit, bei den Frauen in der Kreisliga zu spielen. Außerdem sei es schwierig, 16- bis 17-Jährige im Verein zu halten. Viele gingen für ein Jahr ins Ausland. Der TSV stellt in der kommenden Saison lediglich noch eine Mannschaft in der Ü 30-Konkurrenz. Der Verein habe aber durchaus auf der Agenda, wieder ein Frauenteam aufzustellen. „Wenn wir in der Kreisliga mitspielen würden, wäre das super“, sagt Giesecke. Auf Jugendebene kooperiert der TSV mit den VSV Hedendorf/Neukloster. „Wenn die Mädchen nach der Zeit beim JFV zu ihrem Stammverein stehen, haben wir ganz gute Aussichten“, sagt Giesecke.
Die Besten in einem Team - VfL Güldenstern Stade
Der TSV Apensen und der VfL Güldenstern Stade sind die aufstrebenden Vereine in puncto Frauenfußball. Der TSV gewann in dieser Saison die Meisterschaft in der Kreisliga, steigt in die Bezirksliga auf, gewann den Kreispokal und die Hallenkreismeisterschaft. Die meisten Fußballerinnen aus der aktuellen ersten Mannschaft des VfL Güldenstern Stade spielen seit frühester Kindheit gemeinsam und haben nach dem Sprung in die Frauen-Konkurrenz den Durchmarsch bis in die Landesliga geschafft. Zudem stellt der Verein eine zweite Mannschaft in der Kreisliga. „Wir stehen ganz gut da“, sagt Cheftrainer Joachim Höft (Foto). Der Verein müsse mit guter Jugendarbeit kontinuierlich der Fluktuation entgegenwirken. Viele Mädchen entscheiden sich nach dem Abitur für ein Auslandsaufenthalt oder gehen in entfernten Städten studieren. Das reiße jedesmal ein Loch, sagt Höft. Der VfL Güldenstern Stade hat bei den Mädchen jeden Jahrgang besetzt, insgesamt spielen 100 Kinder und Jugendliche. Etwa 45 Frauen stehen im Spielbetrieb. Schwierig gestaltet sich die Trainer- und Betreuerfrage. Eltern springen ein, Frauenspielerinnen coachen die Kinder. Höft verfolgt das Ziel, mit der ersten Mannschaft in ein bis zwei Jahren in der Oberliga zu spielen, die zweite sollte es bis auf Bezirksebene schaffen. Insgeheim denkt der Stader Trainer aber noch weiter. „Es wäre schön, wenn wir in der Region eine Mannschaft hätten, die höher spielt“, sagt Höft. Dann würden die Talente nicht nach Bremen oder Hamburg müssen. Dazu müssten, so Höft, die Vereine aber zusammenarbeiten und über den Tellerrand hinausschauen. Seine Vision: Die besten Spielerinnen kicken in einer Mannschaft, bei welchem Verein auch immer, so hochklassig wie möglich.
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