Mediziner warnen vor Risiken nach Rückkehr auf den Sportplatz

2. Mai 2021 Von Redaktion

Interview mit Andrea und Dr. Ole Rathje

Die Sportmediziner Andrea und Dr. Ole Rathje aus Nottensdorf befürchten, dass die Zahl der Verletzungen nach der Rückkehr in den Mannschaftssport zunehmen wird. Im Interview sprechen sie über Risiken und geben Tipps für den behutsamen Wiedereinstieg.

TAGEBLATT: Die Aktiven sind im sportlichen Homeoffice. Mit welchen Problemen schlagen sich die Sportler derzeit herum?

Dr. Ole Rathje: Die Sportler müssen improvisieren, weil sie ihren eigentlichen Sport nicht ausüben können. Sie gehen laufen und machen Workouts zu Hause. Viele haben dadurch Überlastungsprobleme, weil die Übungen nicht sauber ausgeführt worden sind.

Andrea Rathje: Es empfiehlt sich, solche Workouts vor dem Spiegel zu machen. Aber das hat nicht jeder zu Hause. Die Körperachsen zu kontrollieren, geht im Fitnessstudio besser. Die Hantelübung ohne Spiegel ist eine Fehlerquelle.

Also sollte ein normaler Amateursportler nicht einfach den Rechner anstellen und ein Youtube-Video ohne Anleitung nachmachen?

Andrea Rathje: Es kommt auf das Video und auf das Körpergefühl des Sportlers an. Außerdem muss er bedenken, aus welcher Etage die Übungen sind, welchen Anspruch sie haben. Er kann nicht einfach da weiter machen, wo er vor einem Jahr aufgehört hat. Er muss zwei Schritte zurückgehen und lernen, anders in den Körper hineinzuhören. Er hat ja vielleicht ein Jahr seine spezifische Sportart nicht ausgeübt und hinkt womöglich bei einigen Sachen etwas hinterher. Der Sportler sollte nicht einfach blind sagen, das habe ich doch früher auch geschafft.

Sind Mannschaftssportler zur Zeit eigentlich konditionell fitter denn je, weil ihre individuellen Trainingspläne viel Lauftraining vorsehen?

Ole Rathje: Das ist schwierig zu beantworten und individuell sehr unterschiedlich. Wenn ich höre, was sie mitunter für ein Trainingspensum haben, dann denke ich schon, dass sie durch das Lauftraining konditionell auf einem guten Stand sind. Aber ich möchte bezweifeln, dass sie trotzdem voll im Saft stehen und nächste Woche eine herkömmliche Vorbereitung starten könnten.

Andrea Rathje: Da sehen wir ein bisschen die Gefahr. Die Sportler sind motiviert bis in die Haarspitzen, aber von der Gelenkwahrnehmung vermutlich noch nicht so weit. Sie sollten das Training, wenn es denn irgendwann wieder im normalen Rahmen möglich ist, langsam angehen lassen.

Ein Fußballer, der mehrmals pro Woche zehn, zwölf Kilometer läuft, würde ein 90-Minuten-Spiel nicht so ohne weiteres durchstehen?

Ole Rathje: Das mag er vielleicht schaffen. Aber die ganzen anderen Trainingsaspekte wie Technik, Schnellkraft und Koordination sind damit nicht ausreichend trainiert. Dabei sind sie für ein Spiel essenziell. Der Fußballer würde vielleicht ausreichend Puste haben und sich nicht nach einer Stunde auswechseln lassen wollen.

Andrea Rathje: Die Verletzungsgefahr wäre höher, weil eben die Gelenkwahrnehmung nicht so gut ist. Oder die Ermüdung käme schneller, weil die Sprints beim Joggen nicht so trainiert werden. Dann kommen der Gegnerkontakt und die höhere Motivation hinzu, weil es endlich wieder losgeht. Damit steigt die Verletzungsgefahr zum Ende des Spiels noch einmal. Außerdem könnte sich der Fußballer falsch einschätzen, weil er sich von vor einem Jahr ganz anders kennt.

Gehen Sie davon aus, dass die Praxis mit Sportlern voll ist nach dem Re-Start?

Ole Rathje: Ja!

Mit welchen Problemen und Verletzungen werden die Fußballer dann in die Praxis kommen?

Andrea Rathje: Mit Kreuzbandrissen. Und Achillessehnenverletzungen.

Ole Rathje: Wenn wir davon ausgehen, dass es noch eine Vorbereitung gibt, werden sie viel mit muskulären Verletzungen kommen. Oder mit Verrenkungen und Verstauchungen des Sprunggelenks, des Knies. Also klassische Verletzungen eines Fußballers, Handballers oder Basketballers.

Stehen Sie mit den Trainern im Kontakt? Sensibilisieren Sie die ob der Verletzungsgefahren?

Ole Rathje: Grundsätzlich müsste man das machen. Aber die Trainer, die ich kenne, sind diesbezüglich gut geschult und wissen um die Problematik. Deshalb geben sie den Spielern ja auch die Hausaufgaben auf. Aber sie kennen auch die begrenzten Möglichkeiten. Zu Hause trainieren ohne Beobachtung und Kontrolle kann nicht den vollen Effekt haben. Ein guter Trainer fragt in den ersten Trainingseinheiten erst einmal den Stand der einzelnen Spieler ab, indem er zum Beispiel Ausdauer- oder Koordinationstest durchführt. Diese Tools kennen die Trainer. Danach kann man gezielt festlegen, was jeder Einzelne trainieren muss.

Verlernen Bänder oder Gelenke die sportartspezifischen Bewegungen?

Ole Rathje: Die Wahrnehmung geht schon ein wenig verloren. Manches ist aber auch Instinkt. Wann springt der Stürmer über den herangrätschenden Verteidiger. Womöglich fehlt da das Timing. Womöglich hat der Stürmer die Situation verlernt.

Andrea Rathje: Das Wichtigste ist der Kopf. Vielleicht haben die Spieler verlernt, sich einzuschätzen. Vielleicht haben sie eine Motivation, die nicht zum körperlichen Zustand passt.

Wie viel Vorlaufzeit benötigt eine Fußballmannschaft, um wieder in den Spielbetrieb einsteigen zu können?

Ole Rathje: Das hängt natürlich davon ab, wie sich die Mannschaft gehalten hat. Aber ich denke, vier Wochen Zeit sollte man ihnen geben. Mindestens. So eine Situation hatten wir noch nie. Und das sind Leistungssportler. Auch in der Bezirksliga sind das Leistungssportler, wenn man das Pensum betrachtet. Die wurden jetzt ziemlich heftig ausgebremst. Deshalb können sie auch nicht einfach wieder hochfahren.

Andrea Rathje: Es reicht ja nicht, wenn die halbe Mannschaft stark hochgefahren wird. Das schwächste Glied der Kette muss auch funktionieren.

Was gibt es für konkrete Tipps von Sportmedizinern?

Ole Rathje: Die wichtigste Regel: Start slow. Behutsamer Start. Das gilt für alle. Der Handballer muss auch werfen, nicht nur laufen. Aber besser erst mal lockere Pässe spielen und nicht gleich die volle Kelle rausholen. Der Fußballer sollte auch Sprinttraining machen, aber eben noch nicht voll durchziehen. Wichtig ist da natürlich das Körpergefühl. Man kann diesen Prozess aber zum Beispiel durch Apps unterstützen und steuern, in die man seine Trainingseinheiten einträgt. Die beiden wichtigsten Parameter, mit denen diese Apps arbeiten, sind der Trainingsumfang und die gefühlte Trainingsintensität.

Andrea Rathje: Es droht die Gefahr, Zweikämpfe in der Ermüdungsphase zu machen. Hochintensives Zweikampftraining sollte zunächst eher in der Mitte der Einheit passieren, nicht am Ende.

Vieles hat im Mannschaftssport mit Timing zu tun. Wann kommt das zurück?

Ole Rathje: Das dauert sicherlich eine Weile und kommt dann über die Routine und dem Training von Spielsituationen zurück.

Was könnte ich prophylaktisch für Bänder und Gelenke machen?

Andrea Rathje: Das ist bei einem sehr gelenkigen Sportler anders, als bei einem weniger mobilen. Wichtig ist das individuell angepasste Muskeltraining, um Verletzungen zu verhindern.

Ole Rathje: Dehnen ist ein großes Thema. Laut neuesten Daten scheint es so zu sein, dass nicht zu langes statisches oder dynamisches Dehnen Verletzungen vorbeugen kann, das wird aber immer wieder auch strittig diskutiert. Es gibt das sensomotorische Training zur Verbesserung der Koordination zwischen verschiedenen Muskelgruppen. Das ist ein sehr geeignetes Training zur Verletzungsprävention und ist zum Beispiel auch in der Sport-Reha nach Verletzungen ein zentraler Bestandteil. Anleitung zu einem verletzungspräventiven Training für Fußballer bietet zum Beispiel auch das Aufwärmprogramm Fifa11 plus. Das gibt es auch für Kinder. Das ist wirklich gut. Das kann man sich auch als Privatperson runterladen.

Sportler haben ein anderes Körperempfinden als Nichtsportler. Wenn sie jetzt wieder ihren Sport ausüben, worauf müssen sie sich einstellen?

Ole Rathje: Muskelkater kann schon vorkommen. Schließlich werden wieder andere Körperteile belastet. Und das in einer höheren Intensität. Die Bewegungsabläufe sind viel komplexer, als die, die sie zu Hause nachstellen können. Muskelgruppen werden wieder angesprochen, die zu Hause nicht angesprochen wurden. Wenn ich die ganze Zeit im Wald geradeaus laufe, muss ich vielleicht mal einer Wurzel ausweichen. Das ist im Mannschaftssport natürlich anders. Außerdem kann es zu Abbau und Verkürzungen einzelner Muskeln gekommen sein.

Leistungssportler bringen viel Eigenmotivation mit. Dem Hobbysportler, der sich ein, zwei Mal pro Woche bewegt, fehlt sie vielleicht. Womöglich tendiert dann das Sporttreiben während des Lockdowns gegen Null. Worauf kann sich die Gesellschaft denn einstellen, was die allgemeine Fitness der Menschen angeht?

Andrea Rathje: Das ist unterschiedlich. Die Leute haben ja unterschiedliche Gründe, warum sie Sport getrieben haben. Der eine macht es, um das Gewicht zu kontrollieren. Der andere für die Körperhaltung. Ich merke, dass die Leute ihren Körper anders wahrnehmen, als vor einem Jahr. Vielleicht durch Gewichtszunahme oder Bewegungsmangel. Aber vielleicht auch durch seelische Verfassungen, die durch Lockdown und Kontaktarmut eingetreten sind. Wir sind ja immer beides – Körper und Seele. Jeder sollte schauen, was pragmatisch machbar ist und ihn im Moment glücklich macht. Spazieren beziehungsweise Walken zum Beispiel tut der Seele gut und man ist an der frischen Luft. Andere entdecken Yoga für sich. Wieder andere kommen gut mit den Youtube-Videos zurecht. Sich zu zwingen, wieder genau der zu sein, der man vor einem Jahr war, ist nicht immer ratsam.

Was haben Sie in den letzten Monaten für Erfahrungen gemacht mit den Sportlern? Scharren die mit den Füßen?

Ole Rathje: Die, die wir kennen, sind alle heiß auf die Rückkehr. Auf den Platz oder in die Halle. Sie wollen wieder ihre Freunde treffen, gemeinsam Sport treiben. Gemeinsam ins Fitnessstudio gehen. Die haben ja ein Grundinteresse am Sport. Den haben sie in den vergangenen Monaten auch nicht verloren.

Zur Person

Dr. Ole Rathje praktiziert als Facharzt für Allgemeinmedizin und Innere Medizin, Naturheilverfahren und Sportmedizin in einer Gemeinschaftspraxis in Nottensdorf. Ebenso seine Ehefrau Andrea Rathje. Sie ist Fachärztin für Allgemeinmedizin, Chirotherapie, Rettungsmedizin und Sportmedizin.

Beide betreuen verschiedene Vereine und Mannschaften in der Region. Andrea Rathje kümmert sich um die Regionalliga-Basketballer des VfL Stade. Ole Rathje ist Mannschaftsarzt folgender Teams: VfL Güldenstern Stade, SV Ahlerstedt/Ottendorf, VSV Hedendorf/Neukloster (Fußball), die Handballer des SV Beckdorf, Sportaerobic beim TSV Buxtehude/Altkloster und Leichtathletik beim VfL Stade.

Je nach ihren Stärken tauschen die beiden sich bei den Sportlern regelmäßig aus. Ole Rathje kümmert sich seit acht Jahren um die Athleten aus der Region, Andrea Rathje seit vier Jahren um die Basketballer. Sie verpasste bis zum Lockdown kein Spiel in der VLG-Halle in Stade und freut sich auf die Rückkehr in den Alltag.

Privat sind die beiden sportlich unterwegs: Fitness, Pilates, Rennradfahren, Fußball, Tennis, Badminton und Bergwandern gehören zu ihren Hobbies.

Quelle: Stader Tageblatt / von Daniel Berlin