Wohin führt der Stader Weg 2022? In der Abstiegsrunde der Landesliga steht der VfL Güldenstern unter Erfolgsdruck. Der Bezirksliga-Abstieg kann nur durch ein Kraftakt abgewendet werden.

Ein Blick in die bewegte Geschichte: Quo vadis, VfL Güldenstern Stade?

27. November 2021 Von Redaktion Fussballabteilung

STADE. Der Fußball-Landesligist VfL Güldenstern Stade kämpft im nächsten Jahr in der Abstiegsrunde um den Klassenerhalt. Warum schafft es der Stader Fußball nicht, aus dem Mittelmaß herauszukommen?

Die großen Erfolge des Stader Fußballs, vornehmlich des VfL Stade aber auch der TuS Güldenstern Stade, die mittlerweile mit der Fusion im VfL aufgefangen wurde, liegen lange zurück. Und doch sind diese Erfolgsgeschichten noch nicht vergessen und holen die Stader immer wieder ein – was Anspruch, Erwartungshaltung, Hoffnung betrifft. Es ist ein Kampf mit der Vergangenheit. Dabei ist Demut beim VfL Güldenstern Stade keine Phrase mehr. Die Realität hat die Stader mittlerweile geerdet. Zwangsläufig. Im härter gewordenen Konkurrenzkampf wurde der VfL Güldenstern Stade abgehängt.

Mit einer überragenden A-Jugend beginnt im Jahr 1986 die große Erfolgsgeschichte des VfL Stade. Die Mannschaft gehört als Vizemeister in Niedersachsen und Nordpokalsieger zur Spitze im Norden. Acht Spieler aus dem Team von Trainer Frank Schembacher, darunter so bekannte Namen wie Dirk Dammann, Jörg Seufert, Martin König, Jan Böhning, oder Andreas Held, bilden danach das Gerüst der Liga-Mannschaft. Mit Schembacher gibt es einen Neuanfang. Als Ergebnis steht der sofortige Aufstieg in die Verbandsliga.

Höhenflug und Niedergang

1988 übernimmt Manfred Rabe als Trainer auf der Stader Horst, verpasst im ersten Jahr mit Platz drei knapp die Teilnahme an der Oberliga-Aufstiegsrunde. In der Saison 1989/1990 wird der VfL Stade mit 55:5 Punkten ungeschlagen Meister. Auch die Aufstiegsrunde überstehen die Stader ohne Niederlage, werden Gruppenerster und steigen in die Oberliga Nord (3. Liga) auf. Dirk Dammann verlässt den VfL, wechselt als Profi zum FC St. Pauli, spielt neun Jahre in der Bundesliga und 2. Liga.

Zum Saisonauftakt beim heutigen Bundesligisten VfL Wolfsburg muss der VfL Stade nach 42 Punktspielen in Folge die erste Niederlage einstecken. Die ansprechend verlaufende Saison endet mit Platz neun. Der Liga-Manager Gerhard Schanz träumt und spricht von einem mittelfristigen Aufstieg: Wenn das auf der altehrwürdigen Stader Horst nicht möglich sei, müsse im Stader Randgebiet ein neues Stadion gebaut werden.

Der VfL Stade ist im zweiten Jahr jedoch absolut chancenlos und landet abgeschlagen auf dem letzten Platz. Zuvor wird Trainer Manfred Rabe in einer geheimen Abstimmung von einem Teil der Spieler das Vertrauen entzogen. Rabe tritt daraufhin im Oktober 1991 sofort zurück, wird durch Klaus-Dieter Pagels ersetzt, der den drohenden Absturz aber nicht verhindern kann. Nach nur einem Sieg in zwölf Monaten ist für Pagels Schluss.

Nach dem sich längst abzeichnenden Abstieg wechselt der VfL im Februar 1992 vom Hamburger in den Niedersächsischen Fußballverband. Zu dieser Zeit herrschen chaotische Zustände in der Fußball-Abteilung. Scharenweise verlassen Spieler den Verein. Gleich viermal in Folge geht es von 1992 bis 1996 abwärts. Aus der Oberliga (3. Liga) bis in die Niederungen der Bezirksliga (7. Liga). Erst Trainer Lutz Bendler kann den tiefen Fall bremsen. Im dritten Anlauf steigt der VfL 1999 wieder in die Landesliga auf.

Warum der Erfolg so kurzweilig war

Sportlich hatte der VfL Stade ideale Voraussetzungen. Eine verjüngte, erfolgshungrige Mannschaft legte den Grundstein für den grandiosen Aufstieg in die Oberliga. Dieser wurde im Vorstand des VfL allerdings zwiespältig gesehen. Der Freude über den sportlichen Erfolg ging die Sorge einher, wie der Mehraufwand bewältigt werden könne.

Die Vereinsführung stand nicht mit ganzem Herzen hinter dem Unternehmen Oberliga. Das ging an der Mannschaft nicht vorbei. Wurde das erste Oberligajahr noch mit der Euphorie eines Aufsteigers überdeckt, folgte der Absturz – auch durch das Versagen der verantwortlichen Personen. Der damalige Liga-Manager Gerhard Schanz sprach mittelfristig sogar von einem Aufstieg in die 2. Liga. Unvorstellbar. Vereine, mehrheitlich aus dem Hamburger Bereich, bedienten sich am vorhandenen Spielerpotenzial des VfL.

Begünstigt wurde der tiefe Fall zudem durch den grundlos und unnötig vollzogenen Verbandswechsel aus Hamburg nach Niedersachsen. Der sportliche Absturz hätte mit Sicherheit in Hamburg besser abgefedert werden können. Bei allem spielte auch die fehlende Unterstützung von Großsponsoren eine wesentliche Rolle. Stade war und ist keine fußballbegeisterte Stadt.

Vor 30 Jahren wurde somit die Chance verspielt, sich auf längere Zeit im oberen Bereich des Spitzenfußballs zu etablieren.

Die große Rückkehr – auf den Höhenflug folgt der Absturz

2001 kehrt Dirk Dammann im Anschluss an seine Zeit beim FC St. Pauli aus Norderstedt nach Stade zurück. Mit ihm sollte eine bessere Zukunft eingeläutet werden. Dr. Ulrich Beckmann, verantwortlich für das Sponsoring der Ligamannschaft, spricht sogar davon, „in kleinen Schritten in spätestens sieben Jahren die Regionalliga zu erreichen“. Mit der Erfahrung des Ex-Profis Dammann als Dreh- und Angelpunkt der Mannschaft gelingt 2002 sodann auch der Aufstieg in die Niedersachsenliga. Der VfL kann sich seinerzeit auch auf seinen Nachwuchs verlassen. Nach einem starken Start folgt aber eine Niederlagenserie und es gibt Querelen im Team. Trainer Hoffmann kritisiert vor der zweiten Saison: „Da fingen einige schon an, von der Oberliga zu träumen.“

Dass sich Spieler beim VfL, auch begünstigt durch den Vereinsanspruch, oft selbst überschätzten, muss ebenso erwähnt werden.

Dammann wird schließlich Nachfolger von Manfred Hoffmann 2004, er muss als Spielertrainer agieren. Der Aderlass war groß, und die Abgänge können nicht kompensiert werden. Der Abstieg aus der Niedersachsenliga kann nach drei Saisons nicht verhindert werden. Beckmann wird sagen: „Wir haben die fünfte Liga unterschätzt.“ Sportlich wie finanziell.

Absturz ist perfekt

D/A steigt in derselben Saison übrigens auf – mit drei vorherigen Leistungsträgern des VfL.

Die folgende Landesligasaison 2005/06 endet dann nach einem dramatischen Finale mit dem vorläufigen Tiefpunkt. Spielertrainer Dammann kämpft mit der jungen Mannschaft, die abermals viele Abgänge verkraften musste, gegen den Abstieg. In höchster Not kommt Stefan Buchholz als Trainerunterstützung. Im letzten Saisonspiel kann der VfL Stade mit einem Sieg den Klassenerhalt perfekt machen. Gegner ist allerdings der Stadtrivale TuS Güldenstern Stade. Der steht schon als Aufsteiger in die Niedersachsenliga fest – und schickt mit einem 3:2-Sieg den VfL Stade in die Bezirksliga.

Der zweifache Absturz ist perfekt. Die Häme in der Fußballszene ist seinerzeit groß.

Ruhige und souveräne Arbeit – wieder nur kurzweilig

Stefan Buchholz schafft es aber, den VfL Stade trotz des immensen Erfolgsdrucks in ruhiges Fahrwasser zu manövrieren. Dammann ist auf dem Feld noch ein letztes Mal sein verlängerter Arm. Und Walerij Hettich avanciert zur Tormaschine. Ungeschlagen, mit 26 Siegen und vier Remis und einer imposanten Tordifferenz von 119:11, steigt der VfL als Meister sofort wieder in die Landesliga auf. Ziel erreicht.

Dammann hört mit fast 40 Jahren verständlicherweise auf. Die Leistungsträger Walerij Hettich und Matthias Bassen wechseln höherklassig. Buchholz schafft mit Platz 7 den souveränen Klassenerhalt. In der Folgesaison, verstärkt mit Zugängen vom kriselnden Buxtehuder SV, wird der VfL Stade Dritter.

Und plötzlich ist die zwischenzeitliche Demut verpufft, in Ottenbeck wird wieder geträumt.

Vor der Saison 2009/10 übernimmt Ingo Dammann mit der Reputation des HSV-Nachwuchstrainers. Die Mannschaft wird abermals namhaft verstärkt. Die Hinrunde ist verkorkst. Am Ende steht dennoch Platz 3, der Rückstand auf den Tabellenführer ist aber zweistellig. Die Ernüchterung ist groß.

 

Eine ganz wilde Phase kommt

In der Saison 2010/11 tritt Ingo Dammann im Februar zurück. Die Mannschaft hat kein Erfolg, auch verletzungsbedingt. Benjamin Duray übernimmt. Der Klassenerhalt gelingt am letzten Spieltag. Leistungsträger gehen. Und es folgt die Saison der „Superliga“, mit D/A und Güldenstern als Oberliga-Absteiger. Der VfL will „demütig“ den Klassenerhalt schaffen. Duray wird vier Spieltage vor Saisonende entlassen. Geschäftsführer Wolfgang Rabe steht am Ende als Retter da.

Holger Steenbock (2012/13) übernimmt und hält keine Saison durch, Co-Trainer Malte Bösch übernimmt. Am Ende steigen beide Stader Teams in die Bezirksliga ab. Der Stader Fußball ist in seiner Gesamtheit am Boden.

In der Saison 2013/14 tritt Bösch zurück und wird in der Winterpause von Olaf Eggert beerbt. Der VfL Stade landet auf dem ersten Nichtabstiegsplatz und ist in der Bezirksliga der schlechteste Kreisverein. Eggert wirft dann schon vorm ersten Punktspiel 2014/15 das Handtuch: Die Mannschaft war nach „einer katastrophalen Leistung“, so der Trainer, aus dem Bezirkspokal geflogen. In Ottenbeck wird über Anspruchsdenken, falsches wie richtiges, philosophiert.

Der ruhige Stützpunkttrainer Udo Rathjens springt ein.

Die Fusion – eine Zwangsehe als Versprechen

Vor der Saison 2016/17 fusionieren die beiden Stader Vereine. Die TuS Güldenstern Stade ist finanziell am Ende. Die Fußballabteilungen verschmelzen zum VfL Güldenstern Stade. Der ehemalige Güldenstern-Trainer Martin König und Niels Gramkow übernehmen, Dirk Dammann ist Teammanager. Mittelfristig sehen sich die Stader wieder in der Oberliga.

Erst einmal muss aber der Landesliga-Aufstieg geschafft werden. Die SV Ahlerstedt/Ottendorf entpuppt sich aber als Spielverderber und schafft mit Stefan Buchholz den sofortigen Wiederaufstieg. Auch in der Saison zwei nach der Fusion, 2017/18, wird der Aufstieg des großen Favoriten kein Selbstgänger. In den Spielen gegen die direkten Konkurrenten versagt die Mannschaft, kann kein Spitzenspiel gewinnen. Am Ende schaffen die Stader aber am letzten Spieltag, mit einem Sieg in letzter Sekunde, den Landesliga-Aufstieg. Punktgleich mit dem ASC Cranz-Estebrügge, aber durch das bessere Torverhältnis.

Es fehlen Ruhe und Konstanz

Landesliga ist derweil das höchste der Gefühle für den VfL Güldenstern Stade. Mit Trainer Matthias Quadt folgten Platz 8 und 6. Er ließ die Mannschaft spielen, wozu sie fähig war. Quadt wollte in die zweite Reihe und wurde Co von Dennis Mandel. Der konnte seinen eigenen Anspruch und das vorhandene Potenzial nicht zu einer Einheit formen. Nun droht wieder die Bezirksliga.

Der VfL Güldenstern Stade ist auf der Suche nach einer Mannschaft, die sich mit dem Verein identifiziert. Das war der Anspruch bei der Fusion. Die große Konkurrenz lockt aber schon die besten Nachwuchsspieler.

Stade hat es nie geschafft, längerfristig eine Erfolgsmannschaft beisammen zu halten. Es mangelte an Ruhe und Konstanz auf allen Ebenen. Heute ist der Spielermarkt ungleich härter und die erfolgreiche Konkurrenz, wie D/A, A/O und Harsefeld, hat Erstzugriffsrecht. Ohne sportlichen Erfolg sind die sowieso schwer zu findenden Sponsoren weniger zu überzeugen. Sisyphusarbeit.

Quelle: Stader Tageblatt / Fupa